Die Braut trug Latschen

Mai 18th

Die Braut ist meine Tochter, die letzte Woche das Glück hatte, bei schönstem Sonnenschein und 26 Grad zu heiraten.  – Mein Liebster und ich waren schon etwas spät dran und strebten im Laufschritt dem Standesamt entgegen, als wir hinter uns Rufe wahrnahmen. Es war das Brautpaar, die noch später dran waren. Wir mussten zweimal hingucken, denn sie waren als solches nicht zu identifizieren. Er trug T-Shirt und Shorts, sie war immerhin in ein hübsches Sommerkleid gewandet, an den Füßen Flipflops. Kein Blumenstrauß, nichts. Mein Mann hatte sich, dem Anlass angemessen, in Hemd und Sacco gequält und transpirierte in stiller Verzweiflung vor sich hin. Ausnahmsweise hat man in der Beziehung als Frau mal Glück, es gibt leichte festliche Bekleidung. Ich war froh, dass ich es nicht übertrieben und ein Kleid gewählt hatte, mit dem ich auch im Büro nicht als overdressed aufgefallen wäre.

Timo_Lina_längsBis auf die Großeltern des Bräutigams hatte sich auch der Rest der Gesellschaft nicht weiter in Schale geworfen. Der Vater des Bräutigams trug ebenfalls kurze Hosen, dazu ein ungebügeltes Hemd. Ich hörte meinen Gatten missbilligend Grunzen. Mein Sohn war ebenfalls im Bräutigams-Outfit , T-Shirt und Shorts, mein Ex-Mann jammerte neidisch über sein Traditionsbewusstsein und dass er sich die kurze Hose verkniffen hatte.

Im Standesamt bekam meine Tochter von der Schwiegermutter einen Strauß überreicht und sah nun, hinter dem Tisch sitzend, wie eine Braut aus. Mein Schwiegersohn schwitzte während der gesamten standesamtlichen Zeremonie unmäßig, als wäre er in Frack und Zylinder dagesessen und so war nun doch alles fast so, wie es sich gehörte. Danach waren alle sehr glücklich und erleichtert und es wurde ein wunderschöner, harmonischer Sommertag mit zwei Familien, die sich nun zu einer netten Mischpoche zusammenwürfelte.

Als mein Mann am Abend seiner alten Mutter, deren Kräfte für die Anwesenheit auf der Hochzeit nicht mehr ausreichten, telefonisch Bericht erstatte und ihr den legeren Aufzug der Brautleute beschrieb , hörte ich sie darauf mit einer sehr eisigen Stimme reagieren: „Jeder wie er mag“. Sie mochte es offensichtlich nicht. Später brachte mein Mann mir gegenüber noch einmal die Flipflops der Braut zur Sprache, worauf ich erwiderte: „Was willst du von einem Kind erwarten, deren Mutter mit Schlafanzughose über einen Golfplatz latscht.“

Mein Mann bekommt heute noch Schnappatmung, wenn er sich daran erinnern muss, wie ich eines Morgens im Golfclub zu Kolmar in Schweden, in der Nähe des Loch eins, aus unserem alten Wohnmobil taumelte, um die Toilette aufzusuchen. Es war dringend. Ich hatte keine Zeit für irgend einen Firlefanz. Der adrette schwedische Early-Bird-Golfer glotze zwar leicht irritiert, ich fand mich aber total okay. Das T-Shirt war nicht irgend ein ausgeleiertes Schlaf-Shirt, sondern noch richtig in Schuss und die Hose hätte auch ein leichte Sommer-Shorts sein können. In Schweden laden einige Golfclubs die Besucher auch zum Campen ein und ich war angezogen wie eine Camperin auf dem Weg zur Morgentoilette, also was soll die Aufregung? Ich war weder in einem Wasserhindernis baden, noch habe ich in einem Bunker gesonnt oder auf ein Grün gepinkelt.

Mein Mann findet das wurstig und diese Wurstigkeit hat sich mit Sicherheit über die Jahre auch auf meine Kinder übertragen. Als meine Kleine in der Grundschule einen Tintenkiller benötigte, riet sie mir einst, nicht den mit „Diddel-Maus“ drauf zu kaufen, den alle Mädchen aus ihrer Klasse hatten. Der sei doppelt so teuer und am Ende sei er alle, dann fliegt Diddel in die Tonne. Ich war sehr stolz auf meine kluge Tochter, die schon in jungen Jahren die Markenresistens und das gesunde Misstrauen gegen die Werbeindustrie ihrer Mutter übernommen hatte.

Ich bin immer noch sehr stolz auf diese Tochter, die an ihrem Hochzeitstag sehr wohl ein anständiges Paar Blümchensandalen in einem Rucksack bei sich trug. Es ist ja nicht so, dass sie nicht wüsste, was sich ziemt, doch ist sie schlau genug vernünftige Prioritäten zu setzen. Da die schicklichen Schühchen ganz hässlich drückten, blieben sie wo sie waren und die Füße der Braut, nicht ganz so schön beschuht, aber dafür heil. Ein ganz bisschen stolz bin ich deswegen auch auf mich, mir ist wichtiger wie es sich anfühlt, als wie es aussieht. Dann bin ich eben eine wurstige Vegetarierin, mehr fürs Sein als für den Schein.