Ausgebremst

Jan 12th

Jahrzehntelang habe ich stolz behauptet, seit meiner Geburt kein Krankenhaus mehr betreten zu haben. Das hätte gern ewig so weiter gehen können. Tat es aber nicht.

Schon lange quält mich an beiden Füßen ein sog. Halux, also ein verformtes Zehgelenk, das erstens unschön und zweitens auch sehr schmerzhaft werden kann.
Links ging zuletzt nichts mehr und die OP wurde unvermeidlich.
Unter den empfohlenen Fußspezialisten hatte ich mich für Dr. Springfeld entschieden. Der Name klingt so schön positiv, schließlich ist es mein erklärtes Ziel, wieder joggen zu können.
Die Angst galt weniger dem Eingriff, als vielmehr der ersten Vollnarkose meines Lebens. Das kann blöde machen. Bin ich zum Glück drum herum gekommen.

Eine Rückenmarkspritze klingt furchtbar, ist aber nur ein kleiner Piks unter die Haut. Lähmt die Beine für drei Stunden und der Rest des Körpers dämmert gut gelaunt vor sich hin. Perfekt.
Schon beim ersten Gespräch hatte ich großes Vertrauen in meinen Operateur. Die Narbe sieht jetzt ein bißchen abenteuerlich aus, aber das gehört wohl dazu. Ganz wichtig – ich bin schmerzfrei und tänzel nach ein paar Tagen schon fast virtuos an Krücken. Das ist vor allem der grandiosen Erfindung eines „Vorfußentlastungsschuhs“ zu verdanken. Gehen kann ich damit ganz gut, Treppen haben ihre Tücken. Runter zuerst mit dem bösen Fuß, rauf zuerst mit dem Guten. Das braucht ein paar Tage, bis es auch in der hintersten Hirnwindung verankert ist.

Jetzt liegen nur noch knappe drei Monate vor mir, bis ich wieder richtig laufen kann. Eine Langstrecke der anderen Art, die aber jetzt zum Glück nicht mehr rückgängig zu machen ist. Fast am Schlimmsten ist die Tatsache, dass ich mir ab sofort täglich eine Thrombosespritze setzen muss – und das bei meinem Horror vor Nadeln. Macht in zwei Monaten 60 blaue Flecken an Bauch und Bein.

Wie unterschiedlich Menschen sind, konnte ich an den anderen beiden Damen in meinem Zimmer beobachten. Ähnlicher Eingriff – anderes Verhalten. L. aus Sibirien und M. aus Harburg hatten nach der OP beschlossen, sich zu schonen. Also sind sie tagelang konsequent im Bett geblieben.
L. starrt den ganzen Tag auf den alten Röhrenfernseher in der Ecke, der scheinbar nur RTL kann. Die sibirische Herkunft macht sie zur Frostbeule. Leider liegt sie am Fenster und bewacht dessen geschlossenen Zustand hartnäckig. Und sie hat die Hand am Heizungsventil. Klammergriff nach links – auf Anschlag.

M. macht den ganzen Tag Daddelspiele auf ihrem iPad. Abends wundern sich beide, dass sie nicht müde sind und brauchen Schlafmittel. Morgens wundern sie sich, dass die Verdauung streikt und brauchen Abführmittel. Ich weiß jetzt, dass man Silvester auch in kleinen Badezimmern täuschend echt nachfeiern kann.

Mich macht das träge Halbdunkel des Zimmers fertig und ich brauche ständige Ortswechsel mit Lektüre zwischen den Zähnen. Auf der Raucherterrasse ist immer Jemand zum Reden und ich bin Freunden und Familie unendlich dankbar für die vielen Besuche, die die Tage ganz schnell rumgehen lassen.

Vor allem behalte ich diese Woche als meine persönliche „Betty Ford Klinik“ in Erinnerung. Der Gedanke an ein schönes Glas Wein hat den ersten Abend schon sehr geprägt.
In den letzten Tagen dann immer wieder die Frage, ob es irgendwelche Anzeichen körperlicher oder geistiger Veränderungen gibt – so ganz ohne Alkohol. Schlafe ich besser? Fühle ich mich morgens fitter? Wird die Haut frischer? Verliere ich 1 Kilo? Verändert sich der Blutdruck?
Klares „Nein“ – auf alle Fragen! Entsprechend freue ich mich auf das erste Glas Wein in Freiheit. Die wird ihre Tücken haben.
Vor Einkauf und Haushalt an Krücken graut mir schon jetzt. Dafür fühlt sich keine Krankenkasse zuständig. Nicht mal einen Duschhocker gönnen sie mir, der eine echte Erleichterung wäre. Fortsetzung folgt.