Zu viel Zeit

Jan 30th

Der Mann im Rollstuhl zeigt auf meine Krücken: „So weit wäre ich auch gern.“
Wie bitte? In den meist recht engen Fahrstühlen an U-Bahn Haltestellen ergeben sich immer wieder kurze Dialoge über alle möglichen Gebrechen der Menschheit. In seinem Fall ist es eine verpfuschte Bandscheibenoperation, die bereits 6 Monate zurück liegt.

Am liebsten hätte ich dem armen Kerl meine Krücken zugeworfen mit dem Satz: „Steh auf und lauf, Alter – ich verzichte gern auf die Dinger.“

Leider ist noch nicht mal Halbzeit und ich werde langsam unleidig. Nichts ist schlimmer, als zum Nichtstun verdammt zu sein. Mein Verleger ist krank, also keine Arbeit am Kochbuch. Meine Künstler sind krank, also keine Arbeit im Theater. Eltern im Urlaub, Freunde im Urlaub, der Rest arbeitet und hat wenig Zeit, mir das Zuviel davon zu vertreiben.

Ich könnte nach Sylt fahren und beim Radio arbeiten, aber ich fühle mich noch nicht wirklich reisefähig.

Aus lauter Langeweile Recherche zu ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Stadt. Bis auf einen Lesekurs mit leseunwilligen Kindern kommt eigentlich nichts in Frage: Behördengänge mit Flüchtlingen – kann ich grad nicht. Einkaufen für alte Leute – fällt schwer genug für mich allein. Spiel und Sport mit Obdachlosen – muss man nicht nur können, sondern auch wollen.
Besagter Lesekurs füllt genau eine Stunde in der Woche, eindeutig zu wenig.

Zu Hause hocken und mir staffelweise Serien reinziehen ist auch nicht mein Ding. Also gehe ich ins Kino. Da muss ich nur sehr genau gucken, was gut an den Nahverkehr angebunden ist.
Schon der Bus, der bei mir vor der Haustür fährt, hat seine Tücken. Gern kommt er 2-3 Minuten zu früh, um dann eine Station weiter länger rumzustehen.

Trotzdem muss ich eine Lanze brechen für die vielen sehr netten Busfahrer des HVV. Schon mehrfach ist es mir am späteren Abend passiert, dass die Damen und Herren gefragt haben, wo genau ich aussteigen möchte und haben mich zwischen zwei Haltestellen fast direkt vor der Haustür abgesetzt.

Wenn an der U-Bahn Fahrstühle und Rolltreppen kaputt sind, dauert es ewig, bis ich die Treppe geschafft habe. Ich wusste bisher gar nicht, wie kalt diese Geländer sein können.
Lauter hilfsbereite Menschen wollen mir dann die Krücken wegnehmen und ihren Arm anbieten. Total nett, aber ich gerate dann immer leicht in Panik.
Zu präsent ist immer noch das schreckliche U-Bahn Video aus Berlin.
Ich beharre auf der gelernten Treppentechnik – mit dem kranken Fuß zuerst runter, mit dem gesunden zuerst rauf. Eine Hand am Geländer, Krücke 2 im 90 Grad Winkel in der Hand von Krücke 1.

Regen ist scheiße. Ich kann keinen Schirm halten. Die Regenjacke ist nicht für diese Jahreszeit geeignet. Hätte ich auch mal früher drüber nachdenken können. Also massig Imprägnierspray auf das Winterteil. Perlt ab wie das Auto nach der Waschanlage.
Schnee und Eis in den kommenden Wochen wären eine totale Katastrophe – dann wäre ich endgültig an die Wohnung gefesselt.

Also hoffe ich weiterhin auf den typischen Hamburger Winter mit 2 Grad und Nieselregen. Dann kann ich immerhin in Kinos, Theater und Restaurants – sofern Letztere am Platz servieren.

Ihr ahnt es – Geduld zählt nicht meinen Stärken.