Vom karrieregeilen Luder zur lieben Omi

Feb 8th

Als ich vor 26 Jahren schwanger war und sich die Neuigkeit bei meinem damaligen Arbeitgeber RTL Nord herumsprach, sollen einige Kollegen, die mich nicht gut kannten gesagt haben: „Was, die?“ Ich bin wohl damals nicht so sympathisch oder mütterlich rübergekommen, auf jeden Fall hielt man mich für ein karrieregeiles Luder, dass Ihren Arbeitsplatz als Sprungbrett zu einer glamourösen, überregionalen Fernsehkarriere nutzen wollte. Dabei war ich vollauf zufrieden mit dem, was ich erreicht hatte und liebäugelte nicht, wie viele meiner Kollegen, mit dem Mutterhaus in Köln. Beruflich gesehen waren das tatsächlich die erfülltesten Jahre meines Lebens, in denen ich mich nach Herzenslust kreativ austoben konnte und dafür auch noch ein tolles Gehalt bekam.

Mein Sohn erfuhr in präpubertärem Alter von meinem bescheidenen, beruflichen Ruhm und zeigte sich völlig entgeistert. „Bist du denn verrückt und das hast du für zwei Kinder sausen lassen?“ Dass er diesem Umstand seine Existenz verdankte, ließ er dabei völlig außeracht. Nun verhielt es sich allerdings nicht ganz so, wie mein Sohn es darstellte. Man kann ja  durchaus beim Fernsehen arbeiten und trotzdem zwei Kinder großziehen, wie es viele meiner ehemaligen Kollegen auch getan haben. Nur hatte ich mich dummerweise mit meinem cholerischen Chef angelegt. Der Mann wurde ob seiner fehlenden physischen und menschlichen Größe Bonsai-Rambo genannt. Als sich ihm die Gelegenheit bot mich zu feuern, nutzte er sie. Schwanger und mit einem Kleinkind war das nicht gerade die Zeit, in der ich als Freiberuflerin so richtig durchstarten wollte, um mich vor oder hinter der Kamera zu produzieren. Ich konzentrierte mich auf meine Familie, stellte die Kinder in den Mittelpunkt meines Lebens und baute mir später eine passende Arbeit drum herum. Ich habe meinen Weg nie bereut und hoffe, dass mein Sohn diese Obliegenheit mittlerweile wohlwollender bewertet.

Nun ist meine Tochter schwanger und wird mich im Juni  zur Großmutter machen. Als ich die freudige Botschaft einer flüchtigen Bekannten überbrachte, nahm sie gratulierend meine Hände in ihre, blickte mir tief in die Augen und versicherte, dass sie mich sehr gut in meiner neuen Rolle sehe, dass ich diese Aufgabe mit viel Freude und Herzenswärme ausfüllen würde.

Da hat sich in den letzten 26 Jahren scheinbar etwas an meiner Ausstrahlung getan. Damals hat man mir nicht mal zugetraut eine gute Mutter zu werden und heute sieht man in mir die liebe Omi? Das klingt zwar nicht besonders schmeichelhaft, ich nehme es aber trotzdem mal als Kompliment. Tatsächlich rücke ich von Jahr zu Jahr dichter ans Wasser, werde immer dünnhäutiger und gefühlvoller. Einst belächelte ich in jugendlicher Überheblichkeit meine alternde Tante Eti, die sich grundsätzlich keinen Krimi im Fernsehen anschauen mochte, da ihr zartes Nervenkostümchen keinerlei Spannung ertrug. Dafür sah sie sich lieber zum 100sten Mal den „kleinen Lord“ an und schwärmte danach mit rosigen Wangen von dem entzückenden Knaben und seiner hübschen blonden Fönwelle. Zwar teile ich die Vorliebe meiner Tante für den kleinen Lord Fauntleroy nur bedingt, verstehe aber inzwischen ihre Haltung zutiefst. Bei mir  kommt kein Horror, Splatter, Blutrünstiges oder Brutales auf die Mattscheibe. Ich lass mir doch nicht freiwillig Angst einjagen und die Nachtruhe von den kranken Phantasien barbarischer Filmemacher und deren Autoren verderben. Alles Gruselige hat  seinen Reiz für mich verloren, die Nachrichten finde ich beängstigend genug. Und auch die lasse ich nur wohl dosiert und bestimmt nicht auf nüchternen Magen zu. Ich möchte nicht zum Kaffee mit Mord und Totschlag konfrontiert sein. Ich brauche Erbauliches zum Aufwachen. Mein Tag soll schön beginnen. Da ich es selbst in der Hand habe, sorge ich dafür, dass jeder Morgen ein erfreulicher ist. Eine Errungenschaft des Alters!

Vorletzte Woche sah ich im ZDF den Zweiteiler „Das Sacher – In bester Gesellschaft“, der nicht nur mir, sondern mit Sicherheit auch meiner längst verstorbenen Tante Eti  gut gefallen hätte. Dort sprach Ursula Strauss als Anna Sacher in etwa folgenden Satz: „Es ist viel leichter, als junge Frau hübsch, als als alte sympathisch zu sein.“ Wenn das aber doch das Ziel ist, kann ich als liebe Omi nicht ganz falsch liegen, oder?