Fasching – jetzt erst Recht

Feb 16th

Wir Nordlichter haben ja meist mit Karneval nicht viel am Hut. Bereits als Kind habe ich entgeistert das angeschäkerte Geschunkel Kostümierter im Fernsehen verfolgt und war alljährlich völlig verzweifelt, dass nun tagelang die Jäcken und Narren die beiden einzigen Unterhaltungs-TV-Programme mit ihrem hirnlosen Treiben blockierten. Wieso waren die Leute total aus dem Häuschen, weil ein paar bunte Wagen mit Verkleideten durch die Straßen fuhren, von denen Bonbons in die Gegend flogen? Was war denn daran lustig, bitteschön?

Erträglicher dagegen war, dass an einem dieser Tage Fasching in der Schule gefeiert wurde. Unterrichtsausfall kam immer gut an, selbst wenn man sich dafür in ein Kostüm werfen musste. Allerdings wurde dafür kaum Aufwand betrieben. Jedenfalls bei meiner Mutter nicht. „Du gehst als Seppel“, verkündete sie in einem Jahr, als ich in die alte Lederhose meines Bruders passte. Dazu bekam ich noch einen bekloppten Hut mit Gamsbart auf den Kopf und fertig. Ich hab es gehasst. Alle anderen Mädchen waren als Prinzessinnen, Ballerinas oder Schneeflocken verkleidet, selbst als Fliegenpilz wäre ich lieber gegangen, als ein Depp im Trachten-Outfit.

Nun ja, die Wunde ist derweil verheilt. Bei meinen eigenen Kindern habe ich mich mächtig ausgetobt und mit viel Energie und Fantasie für originelle Faschingsgewänder gesorgt. Das ganze Jahr über hielt ich auf Flohmärkten die Augen offen, um für diesen einen Tag auftrumpfen zu können. Auch diese Zeiten sind vergangen. Die Kisten und Truhen mit Stoffen, Hüten, Masken, Capes und Augenklappen längst entsorgt. Fasching ist seit Jahren kein Thema mehr.

Deswegen kam der Schlag ganz unvermittelt, doch seit letzter Woche liegt sie nun auf unserem Tisch. Eine gedruckte Einladung zu Carlos 60sten Geburtstag, die gleichzeitig eine Faschingsparty ist. Dabei finde ich es durchaus erfreulich, auf rauschende Feste geladen zu sein. Das Jahr ist noch nicht alt und ich habe in den paar Wochen schon mehr getanzt, als in den vergangen zehn Jahren zusammen. Das liegt an den vielen runden Geburtstagen, die schon waren und noch kommen. Im Geheimen bin ich schon meinen Kleiderschrank durchgegangen, auf der Suche nach einem passenden Kleid für Carlos Fest und nun das.

Noch nie war ich so alt wie jetzt und musste ein angemessenes Kostüm finden. Catwoman, Tinker Bell, Pippi Langstrumpf, Funkenmariechen, Bezaubernde Jeannie – nicht gerade Verkleidungen in denen man mit Mitte 50 eine glänzende Figur macht. Klickt man sich durch die diversen Karnevalsausstatter, bekommt man reihenweise Kostüme für Damen zu sehen, deren Röckchen gerade mal übers Schambein reichen und die man etwas seriöser in den Auslagen der Sexshops auf der Reeperbahn betrachten kann.  Unter lustige Kostüme findet man so schöne Verkleidungen wie „Pummel Fee“ oder „Carry Me stämmige Stripperin“, aber für sowas muss man  70 bis 80 Euro hinlegen und das Zeug gibt’s auch nur in Männergrößen. Selbst als Pylone oder Ganzkörperkondom müsste ich Mann sein und dafür soll man immer noch 50 Euro berappen, ja, spinnen die? Das einzig erträgliche Damenkostüm, das ich finden konnte, ist sich als wandelnde Handtasche zu verkleiden, für knapp 45 Euro. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das ausgeben möchte. Mein Mann riet sofort ab: „Damit kannst du dich nicht einmal hinsetzen, das Ding ist total steif. Das stehst du doch gar nicht durch.“ Stimmt ! Was bleibt denn dann noch, Hexe, Klofrau, Nonne, Wahrsagerin? Na, toll!

Vielleicht ist das die letzte Faschingsparty meines Lebens, da will ich richtig reinhauen. Nicht wie Carlos Schwester, die meinte, sie hat da so ein schönes Kleid im Schrank, das sieht ein bisschen nach 20er Jahre aus und dann macht sie sich noch die Haare im 20er Jahre Style und fertig. Genau dazu riet mir auch meine Freundin Kaddel, da sie mein Charleston-Kleid kennt und meinte, das würde doch gut aussehen. Aber genau das brauche ich doch nicht mehr. Das ist doch die neue Freiheit am älter werden. Ich muss nicht mehr gut aussehen, nur noch verkleidet.

Mein Mann ist da der gleichen Ansicht, wenn schon, dann richtig und bestellt sich gerade das Horst Schlämmer-Outfit für schlappe 65 Euro. Eigentlich hatten wir mit Toni Erdmann liebäugelt, ist viel aktueller, passt vom Alter besser und ist Oscar nominiert, aber dazu fehlt die passende Perücke, die wird einfach nicht angeboten. Ich habe gestern Abend noch bei Ebay ein Garry Glitter-Kostüm geschossen. Abgehalfterter Discostar mit eklatanten Drogenproblem – das könnte Spaß machen. Na und mit Horst Schlemmer im Schlapptau kann eh nix schief gehen, weisse Bescheid, Schätzelein?

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