Nackte Tatsachen

Feb 24th

Seit der Vertreibung aus dem Paradies hat es sich erledigt mit dem öffentlichen Nacktsein. Man lässt nicht gern die Hose runter oder gibt sich die Blöße, in jeglicher Beziehung nicht.  Alle, die mit mir Anfang der 60er Jahre aufgewachsen sind, kommen in der Regel aus einem mehr oder minder verklemmten Elternhaus, in dem sich sogar Familienmitglieder voreinander verhüllten. Ich erinnere mich noch an unseren Schwimmunterricht in der Grundschule. Ab und an kam einer der dreisten Buben in die Mädchenumkleidekabine gestürzt und hätte eigentlich zur Salzsäule  erstarren müssen, ob des Kreischalarms, den er bei uns auslöste. Stattdessen wurde der Bengel später bei den Klassenkameraden als Held gefeiert und zählte großspurig, sich in seinem Erfolg sonnend auf, welche Mädchen er nackt gesehen hatte. Eine Schande für die jeweiligen auf seiner Liste. –  „Petzt nicht“, hieß es, als wir uns bei unserer beinharten Lehrerin beklagen wollten, „bei euch gibt’s doch noch gar nichts zu sehen.“

Das empfanden wir allerdings ganz anders. Als wir zur Pockenimpfung antreten sollten, Jungen und Mädchen wurden kunterbunt dem Alphabet nach aufgerufen und mussten armentblößt im Vorraum des Schularztes warten, kostete uns Mädchen das im Vorfeld eine Menge Kopfzerbrechen. Wir wollten nicht halb entkleidet von den männlichen Klassenkammeraden in Augenschein genommen werden. Nach langen Erörterungen kamen wir auf die großartige Idee, unsere Turnhemden an dem Tag tragen zu wollen. Diese Turnhemden unterschieden sich kaum von unseren  Unterhemdchen, doch in letzterem fühlten wir uns nackt, im ersteren anständig bekleidet.

Genau das wollte man Ende der 70er und  Anfang der 80er Jahre auf keinen Fall, anständig bekleidet sein. Jedenfalls nicht am Badesee oder am Strand.  Da galt man als totaler Spießer,  hätte man sich in Bademode erwischen lassen. Es gehörte sich einfach nicht, als junger Mensch in Badehose oder Bikini herumzulaufen, politisch korrekt war einzig das FKK Baden, selbstverständlich an jedem Strandabschnitt, nicht nur an den ausgewiesenen.

Diese Haltung wurde von uns nur in streng katholischen – oder muslimischen Ländern aufgeweicht. Wir belächelten diese Spießer zwar mit leiser Nachsicht, aber fügten uns in Punkto Sonnenbaden in die Landessitten.  Niemand hatte mit der Ignoranz der Kampf-FKKler aus dem Osten gerechnet, die in den 90 Jahren besagte Strände überschwemmten und die armen türkischen und tunesischen Fischer mit ihrer aggressiven zur Schaustellung primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale rücksichtslos beschämten. Sie treiben übrigens auch heute noch ihr nackiges Unwesen und lassen sich in keinerlei Schranken bzw. Bekleidung weisen. Die Befreiung aus dem totalitären System hat den Kampf-FKKler keineswegs entspannt. Doch heute lässt er es nicht mehr in den muslimischen Ländern baumeln (zu gefährlich), sondern trifft sich mit Nudisten aller Herrenländer an den Stränden der kanarischen Inseln und brüskiert, derweil in die Jahre gekommen, in der Hauptsache junge Erwachsene. – „Soll jeder machen, was er will, aber schön ist das nicht, wenn alles hängt und schlabbert“, beschwerte sich meine 25jährige Tochter nach einem Strandspaziergang in Morro Jable auf Fuerteventura. Ich gebe zu, an dem Tag, als wir uns auf der Insel trafen, wir hatten unabhängig voneinander zur ähnlichen Zeit gebucht, habe ich aufs oben ohne Sonnen verzichtet, um meinen Schwiegersohn nicht in eine peinliche Lage zu bringen. Ich selbst lasse gerne, wenn es meine Umgebung zulässt, also keine prüden Kinder in der Nähe sind, das Oberteil beim Sonnenbaden weg und meine Tochter gestand mir später auf Nachfrage, dass sie es vorzugsweise an einsamen Plätzen ebenso hält. „Du wirst als junge Frau, auch angezogen, so viel angegafft“, klärte sie mich auf, „da wäre ich schön blöd, wenn ich meine Lage freiwillig verschlimmere, in dem ich blank ziehe.“ – Ach, ja, so war das mal, ich erinnere mich dunkel.

Mich hat die genierliche Erziehung meiner Eltern scheinbar mehr geprägt, als der Zwangs-Nudismus der 68er Bewegung, denn wenn ich in der Sauna aus der Dusche komme, wickele ich mich erstmal in ein Handtuch, bevor ich den Marsch zu meiner markierten Liege antrete. Umso erstaunter war ich, als ich letztes Wochenende im Hamburger Abendblatt und später in der Elbvertiefung vom Streit der Nacktwanderer las, die für die Beschilderung ihres Naturistenpfads in der Heide vor Gericht ziehen mussten. „Ja, wer will denn nackt wandern?“, dachte ich und musste zur Kenntnis nehmen, dass es Leute gibt, die das scheinbar schön finden,  so wie Gott uns schuf, zu wandeln. Holen die sich vielleicht damit ein Stück Garten Eden zurück? Nur blöd, dass die Welt voll ist von Menschen, die anderen das Paradies ums verrecken nicht gönnen.

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