Appsolute Kontrolle

Apr 26th

Mein Gatte ist seit Jahren ein begeisterter und versierter Smartphone- bzw. iPhone-User. Ich war Nutznießerin seiner Handy-Sachkenntnis und es kam nicht selten vor, dass ich ihn unterwegs bat, dies oder das zu recherchieren. „Guck doch bitte mal, ob hier irgendwo ein Bus fährt?“ „Wenn ich nicht gleich eine Toilette finde, mache ich mir in die Hose.“ Kann doch nicht sein, dass es in diesem Kaff keinen Bäcker gibt.“ Mein Mann fand all das Gewünschte, meinte aber nach einiger Zeit, dass ich mich der neuen Technik nicht verschließen dürfe und überließ mir sein altes iPhone, vollständig eingerichtet. Längst besitze ich ein aktuelles Modell, aber wieder fix und fertig mit allem Pipapo installiert. Nun finde ich selbst über den Toiletten Scout ein öffentliches WC, oder über Maps einen Bus oder Bäcker. In der Regel verlasse ich mich allerdings nach wie vor auf mich selbst und meinen Instinkt.

In diesem April hatten wir ja alle fast täglich die Gelegenheit gegen regennasse Fenster zu schauen und bestimmt bemühten viele trübselig die Wetter-App, in der Hoffnung dort bessere Aussichten vorzufinden. Ich gehe allmorgendlich bei Wind und Wetter laufen, nur bei Starkregen setze ich aus. Auch davon gab es diesen Monat reichlich. Aber kaum hellte es sich auf, warf ich mich in meine Joggingmontur und verkündete meiner besseren Hälfte, dass ich das kurze Regenloch nutzen wolle für meine Runden im Park. Mein Mann zückte sofort sein Handy und zeigte mir anhand des Wetterradars welch üppiges Regengebiet genau jetzt über uns hernieder ging. „Mir egal“, entgegnete ich, „ich geh trotzdem, ich seh doch, dass es heller wird.“ Und tatsächlich hatte ich gut daran getan. Es regnete nicht nur nicht, die Sonne kam sogar raus.

Was diesen April betrifft, bin ich heilfroh, dass wir zwei Wochen davon in Österreich und Slowenien verbracht haben, wo die Temperaturen und das Wetter ganz allgemein deutlich freundlicher und frühlingshafter waren. In einem kleinen Vorort von Ljubljana eröffnete ich meinem Mann vor dem Frühstück, dass ich mich auf die Suche nach einem Bäcker machen würde. Wieder griff mein Mann zum Handy und  teilte mir mit, dass ich in dieser Gegend keinen finden würde. Tat ich aber doch und das entlockte ihm die folgenschwere Erkenntnis, dass es wohl doch ganz gut sei, selbst seine Erkundigungen einzuziehen.

Ja, selbstverständlich ist es das. Das wäre ja noch schöner, wenn ich mich von einer App kontrollieren lasse, die bestimmt, wann, wie und wo ich aus dem Haus gehe und wider meines gesunden Menschenverstandes handele. An dieser Stelle setzt mein latenter Verfolgungswahn ein und ich komme nicht umhin mich zu fragen:  Werden wir uns alle wie die Lemminge in den Tod stürzen, weil eine App uns suggeriert, dies sei der richtige Weg, vor uns liegt gar kein Abgrund, sondern ein ebenerdiger Garten Eden?

Es ging ja bereits durch die Presse, dass der Orientierungssinn durch den Navi Baden geht. Das sollen einige erst begriffen haben, als sie mitten in den Fluten standen. Schön blöd, denken da viele und dass Ihnen das selbst nicht passieren könnte. Doch wer sich nicht mehr auf seine eigenen sieben Sinne verlässt und es in fremde Hände legt, beispielsweise den richtigen Weg zu finden oder das richtige Wetter auszuwählen, um das Haus verlassen zu können, macht sich zur ferngesteuerten App-Marionette.

Überall stehen diese Mobilfunkmasten, damit wir ein tolles Netz haben und somit nie Gefahr laufen, uns zu verlaufen. Aber natürlich gilt das auch umgekehrt. Wir sind in jedem Moment kontrollierbar. Derjenige, der mal ein Hotel oder Flüge irgendwo gegooglet hat, wird wochenlang mit Reiseangeboten aus eben dieser Region bombardiert. Das ist doch unheimlich! Das absurde daran, wir alle machen da freiwillig mit. Und nicht nur das. Wir lassen uns die Sache richtig was kosten. Wir kaufen uns für eine Menge Holz das neueste Modell, zeigen stolz herum, was es kann, zahlen monatlich eine Gebühr, um uns kontrollieren und manipulieren zu lassen. Und sofort fallen mir wieder diese unfassbar blöden Lemminge ein.

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