Lassen Sie mich durch

Mai 4th

„Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“ Habt ihr schon mal einem Lebensretter in Ausübung seiner Tätigkeit im Wege gestanden? Ist mir noch nie passiert! Hingegen scheine ich ein wandelndes, biologisches Hinderniss in allen nur erdenklichen Lebenssituationen zu sein, die allerdings immer etwas mit Menschenmassen, Warteschlangen und Anstehen zu tun haben. Da trifft man auf ihn, den Drängler, der unbedingt durch muss, für den Warten eine Unzumutbarkeit darstellt.

Brav und gottergeben stelle ich mich hinten an, verdrehe die Augen gen Himmel und warte, warte und warte. Nicht so der Drängler. Er hält sich und seine Lebensumstände für exorbitant wichtig und einzigartig und fände es angemessen, sollte er heraneilen, dass sich wie bei Moses das Meer, oder bei einem Krankenwagen mit Blaulicht, eine Gasse bildet, durch die er ungehindert passieren kann. Aber genau das würde auch ich ziemlich ideal finden?

Damit möchte ich zum Ausdruck bringen, dass ich ganz und gar nicht bereit bin,  nach langem Warten, irgendjemandem aus dem Wege zu springen. Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel. Also stimmt die Realität mit den Vorstellungen des Dränglers nicht überein und so ist er in seinem natürlichen Lebensraum frustriert und zwar überall dort, wo sich Wartende zusammenfinden. Im Stau, an Bushaltestellen, beim Arzt , vor Fahrstühlen, Bankomaten, Reisezentren, Supermarktkassen, Tankstellen und Checkin- und Service-Schaltern.

Hier pumpt und plustert er sich auf, schaut ungehalten auf die Uhr und verschafft sich und seiner unerfreulichen Lage durch Unmutsbekundungen Luft. Von hinten hört man ihn, wie eine Dampflock missbilligend schnauben, sieht er sich mit dem Ende einer Schlange konfrontiert. „Also wirklich, so geht das nicht, lassen Sie mich durch. Ich habe für so etwas keine  Zeit“. Tatsächlich stürmt so manch einer, seine Einkäufe zurücklassend, mit wehenden Rockschößen und hocherhobenen Hauptes aus dem Laden. Andere krakelen, kaum haben sie sich angestellt: „Ey, mamada noch ’ne Kasse auf, verdammter Saftladen.“ Dabei hat derjenige mit Saft nichts am Hut, denn in seinem Wagen türmt sich ausschließlich Hochprozentiges.

Eigentlich hege ich ein gewisses Mitgefühl mit dem „Hoppla, hier komm ich-Typen“, denn auch mir fällt es nicht leicht Ruhe im Stau oder einer langen Kassenschlange zu bewahren. Oft sehe ich mich gezwungen meditative Atemübungen anzuwenden.  Denn steckt nicht in jedem von uns dieser spezielle Verdruss, wenn man sich wieder mal in die langsamte Schlange eingereiht hat? Die Welt hat sich wieder einmal gegen uns verschworen. Die Dame, die eben noch mit mir auf gleicher Höhe stand, packt ihre Waren bereits aufs Band, während ich noch keinen Schritt vorangekommen bin. Das zerrt doch entsetzlich an den Nerven. Nein, Warten ist kein Spaß, total lästig, manchmal gar quälend, außer man befindet sich in ganz besonders netter Gesellschaft.

Die hilft einem allerdings auch nichts, wenn man sich mit randvoller Blase und zusammengekniffenem Beckenboden über den Rastplatz schleppt, um dann von einer schier endlosen Schlange vor dem Damen-WC ausgebremst zu werden. Ist mir auf der Autobahn bei einer McDonald’s Filiale bei Ulm passiert. „Lassen Sie mich durch, ich bin nicht Arzt, mach mir aber gleich in die Hose!“, hätte ich am liebsten geschrien, traute mich aber nicht. Stattdessen zettelte ich mit einem Männlein, was zum Latrinendienst eingeteilt war, fast eine Schlägerei an, als ich in meiner Verzweiflung versuchte, die leere Herrentoilette zu entern. Doch das wackere Kerlchen ließ mich nicht gewähren und verteidigte die Tür mit vollem Körpereinsatz. Das half. Adrenalin ist eine feine Sache. Es lässt selbst die dringlichsten menschlichen Bedürfnisse wie von Zauberhand verschwinden. Der fiese Klo-Wicht hatte mich so in Rage gebracht, dass ich noch bis zum nächsten Rastplatz durchhielt.

In Sachen WC-Schlange ist noch anzumerken, dass sich Frauen hier im allgemeinen schwesterlich solidarisch verhalten, selbst wenn sie eigentlich zum Typ Drängler gehören. Schwangere und Mütter mit Kindern haben generell Vorfahrt. Man hilft sich mit Taschentüchern, Tampons und Kleingeld aus und weist auf unzumutbare Kabinen hin. Und das ist überall auf der Welt so. Wahrscheinlich hat jeder Frau in unserem Alter durchschnittlich drei Jahre ihres Lebens vor Damentoiletten angestanden. Da ist man nett zueinander. Das wäre sonst auch zu blöd, wenn man neben all den unschönen Ausdünstungen, die dieser Ort nun mal mit sich bringt, die Atmosphäre obendrein auch noch mit miesen Vibrationen verpestet.

Warum gelingt diese freundlich gesinnte Haltung an diesem Örtchen und an anderen nicht? Warum sind die anderen in der Schlange eher potentielle Feinde, als zukünftige Freunde? Lässt sich da nicht noch etwas drehen?

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